Die Ofenmaurer aus dem Bezirk Oberpullendorf haben Feuermörtel in der Blutbahn

Best Practice Gemeinde Neutal - Museum für Baukultur

Bei sehr vielen Burgenländern findet sich in der DNA ein Gen, wo andere gar keines haben, das so genannte Pendler-Ge(h)n. Doch nicht (nur) die Abendteuerlust trieb viele in die Fremde, vorwiegend geschah dies aus existentiellen Sorgen und wirtschaftlicher Notwendigkeit. Einer ganz besonderen Berufsgruppe, die einen sehr wichtigen Teil zur Industrialisierung Österreichs und zur Entwicklung des eigenen Bundeslandes beigetragen hat, ist das Museum für Baukultur (MUBA) in Neutal gewidmet. Dass gerade dieser Ort im Oberpullendorfer Bezirk als Standplatz einer Ausstellungsstätte mit so besonderem Inhalt gewählt wurde, war keine willkürliche Entscheidung sondern ergab sich ganz natürlich aus der geschichtlichen Entwicklung der Ortschaft. Kam doch ein überdurchschnittlich hoher Anteil der Berufsgruppe des Ofen- und Schornstein- Kamin und Kesselmaurers aus den Ortschaften Neutal, Ritzing und Sigleß sowie den Nachbargemeinden Stoob, Unterfrauenhaid, Kobersdorf und Pöttsching.

Neutal - MUBA 
Obmann Senator h.c. Robert Dominkovits, Bürgermeister Erich Trummer und Museumskuratorin Doktor Susanna Steiger-Moser (v.l.).

Der heutige Ausdruck für diese spezialisierten Maurer lautet „Feuerungsmaurer“. Ein Lehrberuf war es nicht, die Männer profitierten aus weiter gegebenem Know how innerhalb der Familie und vorangegangener Generationen und mussten sich das notwendige Wissen, die speziellen Kenntnisse und die handwerklichen Fähigkeiten autodidaktisch aneignen. Recherchen der Museumskuratorin Doktor Susanna Steiger-Moser zufolge waren seit 1850 alleine in der Ortschaft Neutal einhundertneunundsiebzig Personen ganz oder teilweise im Beruf des Feuerungsmaurers tätig.

Neutal - MUBA 
Obmann-Stellvertreter Peter Kollarits zeigt verschiedene Gerätschaften.

Nun mag ein Unwissender vermuten, in diesem Museum nicht viel mehr als ein paar alte Ziegel oder verstaubte Schaufeln ausgestellt zu sehen. Doch weit gefehlt, erzählen doch die zahlreichen interessanten Exponate in den weitläufigen und Räumlichkeiten ein wichtiges Stück burgenländischer Geschichte. Betritt der Besucher den weitläufigen Außenbereich des Museumsgeländes, sticht ihm sofort die Kunstfertigkeit der Feuerungsmaurer an Hand eines imposanten Kamins ins Auge. Schau-Mauerwerke dokumentieren die verschiedenen Arbeitstechniken und –Materialen, auch Baumaschinen aus verschiedenen Jahrzehnten werden gezeigt. Im Innenbereich erfährt man an Hand von zeitlich chronologisch aufgebauten „Zeitraumwänden„ die fiktive Geschichte des „Hauses Burgenland“. So genannte „Würfelskulpturen“ (sie symbolisieren Bauarbeiter) erzählen über die Situation der Handwerker und deren Familien. Die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen der jeweiligen Zeit werden auch audiovisuell anschaulich dokumentiert.

Neutal - MUBA 
Ein wahres Wahrzeichen: Der Industriekamin im Hof des MUBA - Geländes.

Die grundsätzliche Idee zu dieser Dokumentation des burgenländischen Beitrages zur österreichischen Industriegeschichte kam von Hofrat DI Hans Godowitsch, dem obersten Baudirektor des Landes. „Nachdem es hier in Neutal fast in jedem Haus jemanden gegeben hat, der sich mit dem Bauhandwerk beschäftigt und sich sein Brot damit verdient hat, wollten wir dies entsprechend dokumentieren und der Nachwelt erhalten. Doktor Susanna Steiger-Moser hatte die Grundidee zu diesem Museum und hat die Entwicklung des Bauwesens im Burgenland verknüpft mit der Entwicklung des Landes im Allgemeinen auch wissenschaftlich aufbereitet“.

Neutal - MUBA
Architektur zwischen Tradition und Moderne.

Im Jahre 2003 wurde von der Gemeinde ein Bauernhaus im Ortskern angekauft und dem Museumsverein „Stein auf Stein“ (Verein zur Erforschung des burgenländischen Bauwesens) vermietet. Die vorhandene Struktur der Wohn- und Wirtschaftsräume sowie des Stadels bleiben bestehen und wurden renoviert, ein Zubau im Zuge eines Dorferneuerungsprojektes eröffnete dem Museum zusätzliche Ressourcen für Sonderausstellungen, Seminare und Vorträge. Die Ausstellung ist ganzjährig zu besichtigen, rund 20 ehrenamtliche Helfer - an der Spitze Obmann Senator h.c. Robert Dominkovits und Stellvertreter Peter Kollarits - betreuen das Museum und die rund 3.000 Besucher pro Jahr. Neben dem „normalen“ Museumsbetrieb gibt es jedes Jahr im Mai einen Frühschoppen und immer wieder Vernissagen und Sonderausstellungen - die heurige lief unter dem Titel „Vom Arbeiten in der Fremde“

Neutal - MUBA
Jennifer Rathmanner (sie macht ein Maturaprojekt über das Museum), Obmann Senator h.c. Robert Dominkovits, Doktor Susanna Steiger-Moser, Obmann-Stellvertreter Peter Kollarits und Hofrat DI Hans Godowitsch (v.l.).

Bei Schulklassen besonders beliebt sind die Themenführungen, bei denen sich die Kinder einen eigenen Ziegel modellieren können. Dieser Zwerg unter den österreichischen Museumsriesen ist schon hoch dekoriert, zahlreiche Preise und Auszeichnungen zeugen von der Einzigartigkeit dieser Dokumentation über die burgenländische Baukultur: Das Museumsgütesiegel, der Anton-Benya-Preis oder der Förderpreis zum österreichischen Museumspreis. Und eine Ehrung kam von ganz besonderer Stelle. So wurde heuer das Handwerk der Ofen- und Kaminmaurer in das nationale Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen.

 

Kurzinfo:

Was? Erweiterung und Zubau für das Museum für Baukultur

Wo? Hauptstraße 47, A-7343 Neutal; Bezirk Oberpullendorf

Wann? Zubau 2010/11

Wer? Verein Stein auf Stein, Neutal, 02618/2414, info@muba-neutal.at
www.muba-neutal.at; www.neutal.at

Warum Best Practice? Moderner multifunktioneller Zubau, der sich harmonisch in das bestehende Ensemble einfügt

 

 

Reportage und Fotos: Xandi Bäck